Run

Der Spot war perfekt. So ziemlich alles da, was das Parkourherz erfreut: zwei Bänke, ’ne Tischtennisplatte aus Beton, ’ne Mauer, ungefähr zwei Meter hoch. Hinter der Mauer kam ein bisschen struppiges Gras.
»Genial, hier glotzt wenigstens niemand«, sagte ich.
Wir schmissen unsere Taschen auf einen Haufen. Skylark hebelte sich über die Mauer und verschwand aus unserem Blickfeld, Corone setzte sich obendrauf und ließ die Beine runterhängen. Ich hockte mich hinter die Tischtennisplatte und zog das Papierschiffchen aus der Jacke. Ich wollte einfach wissen, was Kite mir geschrieben hatte. Hatte keinen Nerv, bis abends zu warten. Wie ein Bescheuerter faltete ich das Teil auf und faltete und faltete. Ich fluchte leise und dachte, ’ne Mail ist auf jeden Fall leichter zu öffnen.
»Runter da, sofort!«
Das war eindeutig nicht die Stimme von einem von uns. Ohne auch nur ’nen Buchstaben gelesen zu haben, zerknüllte ich das Papier, stopfte es in die Jacke und tauchte hinter der Tischtennisplatte auf.
Vor mir standen ungefähr fünfzehn Bullen.
»Und Sie dahinten kommen von der Wiese runter, und zwar dalli!«
Skylark kletterte mit einem gekonnten Move über die Mauer und sprang dem Polizisten vor die Füße. Plötzlich kriegte die Schrift auf seinem Sweatshirt was ziemlich Groteskes. Corone rutschte slomolangsam von der Mauer runter.
Mir wurde echt anders. Um uns rum plötzlich diese krassen, riesigen Typen, die Uniformen so fett, dass sie noch mal so breit wie hoch rüberkamen. Eine Uniform hielt ’ne Videokamera hoch und voll auf uns alle drauf. Keiner von uns sagte einen Ton. Kite sah zu mir rüber, ihre Augen verängstigt wie sonst was.
»Alle ausweisen«, bellte die größte Uniform.
Ich sah den Schlagstock und die Waffe an ihm hängen. Den Helm unter seinem Arm. Okay, dachte ich. Entspannt bleiben, Dipper. Ich kramte nach meinem Perso, Jay und Kite fingen auch an, in ihren Taschen zu wühlen. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich Corones Blick. Voll panisch. Um einiges schlimmer als gestern bei den Kontrolleuren. Was war bloß mit ihm los? Irgendwas stimmte nicht.
»Es wird der Tatbestand des Hausfriedensbruchs geprüft, nur zu Ihrer Information!«, schnarrte der Bulle. 
Hausfriedensbruch?? 
Der Typ klang so enorm robotermäßig, dass ich Gänsehaut kriegte. Ich hätte ’ne Menge dafür gegeben, den Button zu kennen, um den Kumpel abzustellen. Keiner hatte uns bis jetzt gefragt, was wir hier eigentlich machten. Warum zum Teufel wurden wir kontrolliert wie Schwerverbrecher? 
»Ich hab keinen Ausweis dabei«, hörte ich Corone sagen. 
»Dann zeigen Sie irgendein vergleichbares Dokument.« 
Ich konnte ehrlich nicht unterscheiden, welche der Uniformen was sagte, die sahen alle gleich aus und hörten sich gleich an. 
»Was geht hier eigentlich?«, fragte ich. 
Ich wollte das wirklich wissen, und gleichzeitig wollte ich von Corone ablenken, der jetzt hektisch in seinem Rucksack kramte. 
»Das wissen Sie ganz genau!«, dröhnte einer der Bullen. 
Ich dachte echt, ich bin in ’nem Film, und dann dachte ich, nee, das hier ist kein Film, das sind die Outcuts, der misslungene miese Rest von der eigentlichen Story. 
»Sie da kommen mit!« Eine Uniform zeigte auf Skylark. 
»Hey, Peace, Mann, wir machen hier Parkour. Ist das jetzt verboten?« 
Der Bulle griff Sky unter den Ellbogen und drängte ihn Richtung Straße.  »Fassen Sie mich nicht an!«, zischte Sky. 
Die Uniform mit der Videokamera lief nebenher. Ich konnte sehen, wie sie Sky in einen Polizeitransporter schoben.  Corone hatte immer noch kein »vergleichbares Dokument« vorgezeigt. Dafür hatte er rote Flecken im Gesicht und Schweiß auf der Oberlippe, der glitzerte im Laternenlicht. Ich musste die Uniformen von Corone ablenken.
Ich griff in meine Gürteltasche, nahm das Handy raus und hielt es ans Ohr.
»Ja?«, sagte ich und machte ’ne Kunstpause. »Nee, Biedermannstraße.«
»Beenden Sie das Gespräch. Sofort!«
Der Bulle fasste mir ohne Scheiß ans Ohr, um mir das Handy wegzureißen. Ich drehte mich aus seinem Griff und sagte noch mal in den Hörer: »Biedermannstraße. Kommt vorbei, okay?«
»Sie befinden sich in einer Polizeikontrolle!«, brüllte der Bulle und versuchte noch mal, mir das Handy vom Ohr zu zerren. 
»Ich kann telefonieren, solange ich will!«, brüllte ich zurück. »Glauben Sie vielleicht, ich lass hier per Telefon ’ne Bombe hochgehen, oder was?« 
»Könnte durchaus sein.« 
Der Typ wirkte jetzt voll nervös, guckte immer wieder zu seinen Kollegen rüber, die in Reihe vor uns allen standen. Er baute sich direkt neben mir auf und glotzte mich von der Seite an.
»Hab ich Scheiße im Gesicht?«, fragte ich.
»Guck in den Spiegel«, antwortete er.
Ich ging ein paar Meter weg und nahm wieder das Telefon aus der Tasche.
»Dipper?«, meldete ich mich.
Ich sah, wie der Bulle seinen zweiten schwarzen Lederhandschuh überzog.
»Ich sage es nicht noch mal.«
Betont langsam kam er auf mich zu. Ich nutzte den Moment und sah Corone an. Ich sah ihm so dermaßen fest in die Augen wie noch nie. In seinem Blick flackerte was.
Dann rannte ich los.  Ich sprang über zwei Bänke und über das Metallgeländer, das den Spot von der Straße trennte. 
»Stehen bleiben! Bleiben Sie stehen!«
Ich rannte.
»Diiipppeeer!«
Das war Kites Stimme. Ich drehte mich im Laufen um.
Ich sah, dass einer der Bullen mit ausgestreckten Armen mit irgendwas auf mich zielte. Hinter ihm rannten seine ganzen Uniformkumpels. Und im Bruchteil einer Sekunde bemerkte ich auch Corone, der irgendwo weiter hinten über eine Mauer sprang und verschwand. Wie ein Tier duckte ich mich und wurde schneller, irre schnell, so wahnsinnig schnell wie noch nie.  Irgendwas zischte durch die Luft. Ich zog den Kopf ein. Zwei Projektile fielen auf den Asphalt neben mir. Taser, zuckte es mir durchs Hirn. Oh Mann, wie ernst war das Ganze hier? In dem Moment heulten Sirenen auf. Direkt vor mir bog ein Polizeiwagen in die Straße und bremste scharf. Zwei Bullen sprangen raus. Einer zielte wieder mit einer Waffe auf mich.
»Stehen bleiben!«
Die Bullen waren keine zehn Meter weg von mir und das war für so ’nen verfluchten Taser keine Entfernung, das wusste ich. Ich sah nach links und da tauchte plötzlich ein Drahtzaun auf. Ich nahm Anlauf, sprang, so hoch ich konnte, kletterte, warf meinen Körper drüber, meine Finger verhakten sich im Maschendraht, ich ließ mich fallen und rollte ab, rannte.
Hinter mir hörte ich sie stoppen, einer trat gegen den Zaun und fluchte. Leider merkte ich jetzt, dass ich in einem Hinterhof gelandet war, links und rechts Häuserwände, vor mir eine Mauer. Die Mauer war zu hoch für Passe muraille, aber in der Ecke hing ein Blitzableiter. Ich kletterte in einem Affenzahn hoch und hörte die Bullen wie durch Nebel in ihre WalkieTalkies sprechen. Auf der anderen Seite der Mauer parkte ein Transporter. Ich sprang. Landete in der Hocke auf dem Wagendach. Ein Köter fing zu bellen an und ein Fenster wurde irgendwo aufgerissen.
»Hey! Was soll das?!«, schrie eine Männerstimme.
Ich sah nicht hoch, sondern sprang runter vom Transporter. Schon wieder war ich in ’nem verdammten Innenhof. Ich riss eine Tür auf, machte einen Riesensprung über ein Kind, das da im Durchgang auf ’nem Bobbycar saß, riss die Vordertür auf und war wieder auf der Straße.  Ich lief weiter, bis ich nach einer Ewigkeit auf einem Spielplatz keuchend stehen blieb. Ich bückte mich und stützte mich auf den Oberschenkeln ab. Ich atmete und atmete. Weiße Wolken im Dunkeln vor meinem Gesicht.
Nach ein paar Minuten wurde ich ruhiger.
Vorsichtig guckte ich mich um. Aber da war niemand. Kein Bulle, kein Mensch.
Langsam ging ich zu einer Schaukel, setzte mich und verhakte meine Ellbogen an den Schaukelketten. Beruhigend, das Hin und Her. Ich kam mir vor wie vor ungefähr tausend Jahren im Garten meiner Tante. Mein Vater schubste mich an und ich war glücklich.
Als ich wieder Luft kriegte, dachte ich nur eins: Kite hatte mich gewarnt, als ich in Gefahr war. Sie hatte meinen Namen gerufen.
Aus meiner Fleecejacke zog ich meinen geretteten Perso, dann das zerknüllte Papierschiff. Im Schein der Laterne las ich Kites Handschrift.

shadow blues (by laura veirs)
there’s a shadow beneath the sea
there’s a shadow between you and me
i’ve learned that love is scared of light
thousand seeds from a flower
blowing through the night
your blackened kiss on my cheek
your blackened kiss runs river deep
a stranded fish, dear, i’m on sand
blue water from a pool
up to the clouds i’ll land
though i am dark ’bout the whys of wanting
though i am dark, i’m still a child
gonna dig a coal mine, climb down deep inside 
where my shadow’s got one place to go
one place to hide ... 


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